Warum ich spiele

Saints Row IV

Als meine Schläfen langsam ergrauten und die Lachfältchen durch etwas viel zeitgemäßeres ersetzt wurden, musste ich mich immer häufiger der Frage aus dem Bekannten- und Freundeskreis stellen, warum ich mich überhaupt noch mit Videospielen abgebe. Auch wenn mir persönlich die Frage total unsinnig vorkommt, so herrscht doch allgemeines Unverständnis in unserer Gesellschaft über die bloße Existenz von „älteren“ Gamern. Als meine eigene Frau mich vor ein paar Monaten einmal fragte, wann „das denn aufhöre“, antwortete ich aus dem Bauch heraus mit: „Nie!“. Und ich meinte es auch so.

Da ich mich schon die letzten fünf oder sechs Jahre etwas intensiver mit Videospielen auseinander setze, als sie bloß zu konsumieren, reifte in mir auch die Erkenntnis, warum ich das Medium Videospiel so faszinierend finde. Das war kein reiner Moment der Erleuchtung, sondern ein langwieriger Prozess des Verstehens, der mit der Rezeption der Spiele einherging, die mir am besten gefielen.

Als ich 2009 mit ein paar Freunden den Videospiele-Blog »Zockwork Orange« gründete war ich zwar ein leidenschaftlicher Gamer, hatte aber weder einen journalistischen noch einen reflektierenden Zugang zu Videospielen. Das hat sich erst mit der Zeit entwickelt und ich wage einmal zu behaupten, das dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist bzw. je sein wird. Das Schreiben über Games hat mir aber geholfen, für mich selbst viel besser definieren zu können, was ich an Spielen besonders mag und warum (zum Teufel!) ich überhaupt so viel Zeit in Videospiele investiere.

Warum ein Mensch spielt, rein wissenschaftlich, kulturell, medizinisch oder historisch betrachtet, ist wahrscheinlich ziemlich interessant, mir persönlich aber total schnuppe. Ich habe sehr unterschiedliche Spielertypen auf meinem Weg durch den Kosmos rund um die Welt der Videospiele kennengelernt und heute fällt es mir leicht zu erkennen und zu akzeptieren, warum Menschen z.B. 1.000 (in Worten: eintausend) Stunden in einem einzigen Spiel zubringen. Die unterschiedlichen Spielertypen zu identifizieren gelingt mir unter anderem deshalb so gut, da es sich in meinen Augen um verschiedene Stadien meiner eigenen Entwicklung als Gamer handelt. Genau, es ist eine persönliche Entwicklung. Heute spiele ich nicht mehr aus den gleichen Gründen wie noch vor 20 Jahren. Und vermutlich spiele ich in zehn Jahren auch wieder aus einer ganz anderen inneren Motivation heraus als ich dies heute tue.

Hier und jetzt spiele ich Videospiele aus zwei Gründen. Aus einer rein eskapistischen und einer prosumentischen Motivation heraus. Klingt hochgestochen, ist es aber nicht.

Der Eskapist in mir sehnt sich danach, dem langweiligen Alltagsleben zu entkommen und etwas aufregendes zu erleben. Der Begriff „Eskapismus“ ist in unserer Gesellschaft eher negativ belegt, wird er doch auch gerne mit „Realitätsflucht“ oder „Flucht vor der Wirklichkeit/aus dem Leben“ umschrieben. Für mich persönlich ist Eskapismus das Entkommen aus dem privaten Alltag zwischen Hausputz und Supermarktbesuch. Ein Ausbrechen aus der stromlinienförmig eintönigen Anzugswelt, in der ich mich tagsüber bewege. Ein Ausstieg aus der belanglosen Smalltalk- und Profitgier-Gesellschaft. In Videospielen komme ich zur Ruhe, lasse mich treiben, erforsche und entdecke, bin interessiert und leidenschaftlich, ich flüchte mich in eine andere, nicht immer bessere Welt. Ganz einfach darum, das Hier und Jetzt ein wenig leichter ertragen zu können. Das bedeutet nicht, dass ich mich im „richtigen Leben“ nicht auch wohlfühlen kann, das ist Quatsch. Und auch sind Videospiele nicht mein einziges Ventil. Genauso „erholen“ kann ich mich an der frischen Luft oder hinter dem Herd. Aber Videospiele sind schon mein Lieblingseskapismus und helfen mir, der Welt einfach mal den Rücken zuzukehren. Das machen viele andere Menschen z.B. mit Büchern, Filmen oder Serien. Was mich zu meiner zweiten persönlichen Motivation bringt.

Ich mag es einfach nicht mehr, bloß noch zu konsumieren. Vermutlich verwende ich das Wort „prosumieren“ hier total falsch, aber mir fällt kein besseres ein. Im Kontext des Web 2.0 sprach man von Prosumenten, wenn sie das Internet nicht nur konsumierten, sondern über eigene, selbst erstellte Inhalte (Fotos, Blogs, Kommentare,…) zu Produzenten wurden. Diesen Gedanken habe ich auf das Videospielen übertragen. Ich liebe es, wenn mir ein Spiel die Möglichkeit gibt, selbst in das Spielgeschehen einzugreifen. Wenn Entscheidungen, die ich als Spieler getroffen habe, Auswirkungen auf den Verlauf der erzählten Story oder sogar das Ende der Geschichte haben, dann begeistert mich das. Oft reicht mir sogar schon die Illusion dieser Entscheidungsgewalt, wenn sie nur gut genug inszeniert ist. Die moderneren Videospiele schaffen es immer besser, uns Spielern eine perfekte Immersion zu bieten und uns bei der Erzählung der Geschichte noch das Gefühl zu vermitteln, das wir den Weg für die Protagonisten ebnen. Ein tolles Gefühl, das kein Hollywood-Blockbuster und kein Klassiker der Literatur jemals vermitteln kann.

Ja, das ist sie, meine Motivation hinter der Zockerei. Die Suche nach der vollkommenen Immersion bei gleichzeitiger Kontrolle über den Verlauf der Geschichte. Natürlich muss ich dabei noch überrascht, gefordert und auch hin und wieder mit dem totalen Kontrollverlust konfrontiert werden. Ich brauche den Twist, die Herausforderung und auch den Schmerz, den gut erzählte Filme, Bücher und das echte Leben für mich bereithalten. All das finde ich in Videospielen. Mal mehr, mal weniger. Aber kein anderes Medium schafft dies über all die Jahre hinweg so gut und immer besser, wie das Videospiel.

Keine Ahnung, wie sich das weiter entwickeln wird. Das Thema open world ist sicherlich noch nicht ausgereizt, die Entwicklung der virtual reality steckt noch in den Kinderschuhen, gerade im Indie-Bereich tun sich viele interessante Möglichkeiten auf und das mobile gaming wird auch immer erwachsener. Das alles zusammen rückt Videospiele immer mehr in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Was am Ende vielleicht auch die Frage obsolet werden lässt, warum ich in meinem gesetzten Alter immer noch spiele. Weil ich es liebe!