Rise of the Tomb Raider

1996 war ein tolles Jahr für mich. Im März kam ich mit meiner heutigen Frau zusammen und im Herbst des gleichen Jahres lernte ich eine weitere starke Frau kennen, die mich seither begleitet: Lara Croft. Richtig gehört: »Tomb Raider« ist kein Uncharted-Klon, sondern Nathan Drake ist der (zugegeben: coole) Nachmacher. Geschichts-Stunde beendet, zurück in die Gegenwart.

Mit »Rise of the Tomb Raider« hat uns Square Enix dieses Jahr ein weiteres Spiel um die Archäologin Lara Croft beschert. Die Serie wurde 2013 einem Reboot unterzogen und seitdem begleiten wir die junge Miss Croft auf ihren frühen Abenteuern. Keine schlechte Idee, wie ich damals fand, und so spielte sich das von Crystal Dynamics entwickelte »Tomb Raider« auf 360, PS3 und PC auch ziemlich gut an. Kritiken hagelte es natürlich trotzdem zu Hauf. Von wegen sexistischer Kackscheiße, Ego-Shooter statt Abenteuer und hanebüchener Story. Ihr kennt das. Mir hat das Spiel trotzdem Spaß gemacht. Und zwar so viel Spaß, dass ich es im Oktober, als die Definitive Edition für Xbox Live-Kunden kostenlos war, direkt noch einmal gespielt habe. Komplett. Quasi zum Aufwärmen für »Rise of the Tomb Raider« im November.

Und als ich nun den aktuellen Titel gestartet habe und so eine Weile am Spielen war, da stellte sich diese vertraute Stimmung ein. Eine Stimmung, die ich schon fast vergessen hatte. Diese wohlige, warme Gefühl in der Bauchgegend, wenn Menschen etwas erleben, das sie an früher™ erinnert. Wenn Lara einen Raum betritt und ich erst einmal meinen Blick über die Szenerie schweifen lasse, um das Rätsel zu erahnen. Dieses tolle Gefühl, wenn das letzte Teil des Puzzles an seinen Platz rückt und endlich den Mechanismus in Gang setzt und ich zu meiner Belohnung eile. Wenn ich mir vor Schreck fast in die Hose mache, weil ein paar Wölfe mich in einer dunklen Ecke anfallen. All diese Momente sind es, die »Rise of the Tomb Raider« für mich so großartig machen.

Aber das beste überhaupt ist: der Kopfsprung ins Wasser ist wieder da! YES! Und es macht einen Heidenspaß. Tauchen kann Lara auch wieder ganz ordentlich und so erschließen sich nach und nach weitere und interessante Areale auf der Karte. Toll. Lediglich die zwei Magnums habe ich vermisst. Aber das ist verschmerzbar.

Die Macher von »Rise of the Tomb Raider« haben sich die negativen Stimmen zum Reboot anscheinend zu Herzen genommen und viele Kritikpunkte des Vorgängers beseitigt. So fällt z.B. ins Auge, dass Lara nun der Witterung angemessene Kleidung trägt und nicht im Bikini durch den Schneesturm stapft. Aber keine Angst, meine Herren, natürlich könnt ihr in den Einstellungen auch das Tank Top auswählen. Allerdings schlottert Lara dann schon im Menü vor Kälte. Wer würde seiner Lieblings-Archäologin so etwas antun? Heh?!

Geballert wird natürlich immer noch. Ob mit der Pistole, Schrotflinte oder dem Bogen (hach, der Bogen!). Gefühlt sind es etwas weniger menschliche Gegner und das Verhältnis zu Rätsel, Entdecken und Töten scheint ausgewogener. Aber Lara ist und bleibt kein nettes Mädel. Wer sie einmal dabei beobachtet hat, wie sie mit einer abgebrochenen Bierflasche die Kehle eines Söldners zerfetzt (Achievement inclusive), weiss was ich meine. Sie ist eben eine Grabräuberin, wie bereits der Titel vermuten lässt. Gegen Ende wird’s auch richtig rabiat, aber alles lösbar, wenn man einen kühlen Kopf bewahrt. Mit dem Ausweichkonter und einer Schrotflinte bewaffnet schafft man jeden Gegner.

Ausgewogenheit ist aber mein Stichwort. Der Anteil der zu entdeckenden Gräber, auch wenn die meisten optional zur Story sind, ist höher als im Vorgänger. Die Zahl der Missionen, Erkundungen, Rätsel, Herausforderungen und Geheimnissen ist enorm. Und wenn ich mal gerade keinen Bock mehr auf eine weitere Kletterpartie habe, dann fange ich mit den nächstbesten Söldnern Streit an und liefere mir eine mordsmäßige Schießerei. Und wenn ich nicht so gut im Treffen von beweglichen Zielen bin, dann schleiche ich eben durch die Lager der Feinde und erledige einen nach dem anderen mit meinem Messer, stelle fiese Fallen und erfreue mich an den Schmerzensschreien der ebenso bösartigen Gegner.

Dieses sehr abwechslungsreiche Gameplay lässt sich auch auf die vielfältigen Areale übertragen. Schöne, große Karten, auf denen ich mich austoben kann. Es gibt viel zu entdecken, aber richtig verlaufen habe ich mich eigentlich nie. Das Wetter und die Tageszeit ändern sich auch, und somit auch ein wenig die Stimmung. Das ganze ist musikalisch nett untermalt und wird nur durch den britischen Akzent der Sprecherin von Lara übertroffen (im englischen Original). Die Lokalisation ist übrigens auch ohne Nora Tschirner durchaus gelungen.

Der Geschicklichkeits-Teil des Spiels macht zudem einen Riesenspaß. Kleine Aufgabe für Euch: Fangt ein Huhn mit der Hand, werft es in die Luft und holt es mit einem Feuerpfeil wieder vom Himmel.

Multiplayer gibt’s nicht. Vermisst auch keiner. Und als ich mit dem Grundspiel durch war, schickte man mich direkt zurück, um der Spielwelt auch noch die letzten Geheimnisse zu entlocken. Mittels Schnellreise kann ich (auch während der Kampagne) schnell von Gebiet zu Gebiet springen und die offenen Quests finden. Darüber hinaus gibt es einen sog. Expedition-Modus, den man mit Bonus- und Malus-Karten spickt, um einzelne Level erneut zu spielen und dort Punkte zu sammeln (auf z.B. Geschwindigkeit oder Geschicklichkeit). Das wird mich wahrscheinlich nicht so lange begeistern, aber ich hatte meinen Spaß ja schon mit der Kampagne.

Ich habe mich wirklich lange in der Welt von »Rise of the Tomb Raider« aufgehalten und das Spiel mit 96% Zielerreichung nach ca. 17 Stunden beendet. Die letzten 4 Prozent schaffe ich auch noch, sind nur ein paar Herausforderungen. Die Grundstory spielt sich wahrscheinlich deutlich kürzer ab und ist tatsächlich nachvollziehbar. Ich kann aber jedem nur raten, so viel wie möglich optionales Zeugs zu erledigen. Die damit frei zu schaltende Ausrüstung könnt Ihr gut in der Story gebrauchen. Außerdem macht es Laune. Wer keinen Spaß an Klettern, erkunden, suchen und entdecken hat, der sollte sowieso die Finger von Lara lassen.

Für mich persönlich ist »Rise of the Tomb Raider« der heisseste Kandidat für mein Spiel des Jahres. Einziger Wermutstropfen: Das Spiel ist derzeit nur für die Xbone zu haben und wird vermutlich im April 2016 für PC und irgendwann später auch für PS4 erscheinen. Das ist ein gewaltiger Minuspunkt, aber in meinen Augen ist es der einzige Kritikpunkt an diesem Spiel. Mit »Rise of the Tomb Raider« hat sich Microsoft einen exzellenten (Zeit-)Exklusivtitel gesichert, der in keiner Spielsammlung fehlen darf. Auf in’s Abenteuer!

Dieser Text wurde ursprünglich am 1. Dezember 2015 auf zockworkorange.com veröffentlicht.