Saints Row IV

Es war einer dieser Tage, an denen ernsthaft an meiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt werden darf. Meistens fallen diese Tage genau in die Zeit, in der Valve seine berühmt berüchtigten Sales auf Steam veranstaltet. Keine Ahnung, was mich geritten hat, aber ich habe »Saints Row IV« im Winterschlussverkauf auf Steam für den PC gekauft (obwohl das 360er Game hier noch ungespielt im Regal stand). Wieso ich gerade mit Teil 4 der Serie (doppelt) angefangen habe, entzieht sich ebenso meiner Kenntnis, wie die Frage danach, was es zum Teufel mit diesem Professor Genki auf sich hat?!

Ruckzuck habe ich mir meine Hauptakteurin am PC zusammengeklickt: Hoher Sex Appeal, konservative Kleidung und einen hübschen französischen Akzent (in der englisch-sprachigen Stimme). Oh là la! In freudiger Erwartung lege ich also los und schieße einfach auf alle Aliens und Polizisten, die mir ans Leder wollen, und stolpere von einer Simulation zur nächsten. So langsam wird mir klar, dass ich mir mit »Saints Row IV« keinen GTA-Klon gekauft habe, sondern eine Parodie.

Eine Parodie! Es ist eine Parodie! Und was für eine?!

Ich habe keinen blassen Schimmer, welches Genre, welchen Film, welche Musik, welches Videospiel und welche abstrusen Ideen in diesem Spiel nicht verarbeitet wurden! Es ist einfach nur herrlich. Die Dialoge, die Musik und die Quests. Die Quests! Ich habe ständig das Gefühl, dass sich das Spiel selbst nicht ernst nimmt und sich dabei selbst noch parodiert, wenn Ihr versteht, was ich meine?

Gefangen in einer Matrix und bedroht von fiesen Aliens erlerne ich so langsam meine Superkräfte zu entwickeln und befreie nach und nach die übrigen Gangmitglieder. Zusammen sind wir dann ein wild gewordener Haufen, der sich die Stadt Steelport Untertan macht. Und meine Superkräfte sind legendär: Ich kann fliegen, ich beherrschte Telekinese, I’m on fire (und das ist ansteckend), ich kann schneller laufen als das flotteste Auto in Steelport und wenn ich springe, lande ich auf den Dächern von Hochhäusern und von dort aus fliege ich dem Sonnenuntergang entgegen. Ich hatte schon erwähnt, dass ich fliegen kann, oder?

Was für ein Glück, dass Deep Silver die Saints so günstig erwerben konnte. Man stelle sich nur einmal vor, dieses Meisterwerk wäre mit den Firmenservern von THQ in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Die Welt wäre heute eine andere. Und was interessiert es mich da, ob die Gamestar 6/10 Punkten für die Grafik und 3/10 für die Gegner-KI vergeben hat? Meine Madame President hatte heute Oralsex mit einem Roboter, ist dem Todesstern nur entkommen, weil Haddaway im Radio lief und kann fliegen! FLIEGEN!!!1!11

Ultra-Postmoderne? Ich liebe es!

Zugegeben, die Grafik auf dem PC sieht so aus, als wäre sie eine 1:1 Portierung der letzten Konsolengeneration und die Gegner verhalten sich tatsächlich etwas merkwürdig. Aber hey! Nichts in diesem Spiel ist ernst gemeint. Wenn ich also gegen dreißig, zum Teil fliegende, Gegner (in Kostümen) auf einer dicht befahrenen, mehrspurigen Straße neben einem gut besuchten Erotikgeschäft eine Schießerei anfange, dann kann es durchaus passieren, dass zufällig vorbei fahrende Autos durch eine Menge Gegner, Verbündete und Prostituierte pflügen, Menschen, Autos und andere Lebewesen durch die Gegend fliegen und die ein oder andere Figur dabei etwas pixeliger rüberkommt. Also alles in allem fast wie in einer echten Matrix. Häh? Will sagen, die Immersion ist durchaus vorhanden! Insbesondere wegen der Glitches. Ernsthaft.

Und die Geschwindigkeit ist atemberaubend. Die Gefechte sind zackig, die Nebenquest-Rennen à la Tron, die Verfolgungsjagden, die Sprünge über ganze Häuserblöcke und der Supersprint durch die Straßen von Steelport sind einfach geil. Alles lässt sich prima mit dem Controller am PC spielen und ich habe die ganze Zeit über das Gefühl, richtig im Flow zu sein. Das liegt mitunter auch an dem über 100 Titel starken Soundtrack (trotz »What is love« von Haddaway).

Gerade Videospiele haben die Möglichkeit uns ALLES machen zu lassen. Warum aber limitieren Entwickler unser Tun so oft in Ihren Spielen. »Saints Row IV« hat gefühlt keine Limits, ist anspruchsvoll schwierig, zum Tränen lachen komisch, voller Popkultur und einfach nur politisch inkorrekt. Mit anderen Worten: Es ist so großartig! Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass egal welches Spiel ich nach »Saints Row IV« spielen werde, es sich erst einmal anfühlen wird, als ob ich mit angezogener Handbremse fahre.

Silence! This is Haddaway!

Wer »Saints Row IV« nicht liebt, der nimmt Videospiele viel zu ernst. Oder eben nicht ernst genug. In beiden Fällen handelt es sich zweifelsohne um einen Banausen!

Dieser Text wurde ursprünglich am 14. Januar 2014 auf zockworkorange.com veröffentlicht.