Spec Ops: The Line

Während ich hier meine Gedanken zu »Spec Ops: The Line« niederschreibe, läuft im Hintergrund »Hush« von Deep Purple. Überhaupt liest sich dieser Artikel viel besser, wenn Ihr dazu den Soundtrack des Spiels (Spotify) laufen lasst. Aber Vorsicht! Ich bin noch Tage nach dem Beenden von »Spec Ops: The Line« mit der amerikanischen Nationalhymne im Ohr aufgewacht.

Und falls Ihr jetzt denkt, ich rede hier wieder von einem imperialistischen Patriotismus-Shooter-Einheitsbrei à la Call of Déjà-vu, dann kann ich Entwarnung geben, zumindest in Teilen. »Spec Ops: The Line« ist ein Ausnahme-Shooter.

Die Story wirkt ein bisschen konstruiert, ist aber schnell erzählt: Dubai ist von Naturgewalten nahezu zerstört und die Amerikaner haben ein Bataillon unter Führung von Colonel John Konrad zur Unterstützung bei der Evakuierung der Zivilbevölkerung in die Wüstenstadt geschickt. Konrad desertiert mit seiner gesamten Truppe als er den Befehl zum vorzeitigen Rückzug erhält, da er sich verantwortlich für die Menschen dort fühlt. Als die Stürme immer schlimmer werden bricht der Kontakt nach Dubai komplett ab. Nach mehreren Monaten wird ein Funkspruch von Konrad empfangen, der die Amerikaner dazu veranlasst, eine dreiköpfige Delta-Force-Truppe zur Aufklärung in die immer noch von Sandstürmen geplagten Ruinen von Dubai zu schicken. Anführer des Trupps ist Captain Martin Walker, dessen Rolle ich in diesem Antikriegsdrama spielen werde.

Ja, ich sage Antikriegsdrama, auch wenn’s ein bisschen komisch klingt, sprechen wir hier doch von einem Videospiel, sogar einem Shooter. Aber das deutsche Studio Yager wollte mit diesem Spiel ein »Apocalypse Now« der Videospiele bringen. Und das ist ihnen echt gelungen. Beim Deutschen Entwicklerpreis 2012 konnte »Spec Ops: The Line« übrigens sage und schreibe fünfmal punkten, inkl. als Bestes Actionspiel 2012. Und das im Land der Killerspiele!

Du kannst es nicht verstehen und du willst es auch nicht!

Kommt Captain Walker am Anfang noch als tougher Anführer rüber, der alles im Griff zu haben scheint, werden er und seine Jungs doch relativ schnell mit der harten Realität konfrontiert: In Dubai regiert das Chaos und die Damned 33rd unter Führung von Colonel Konrad. Aber es gibt rebellierende Splittergruppen der 33rd, militante Einheimische und verdeckte CIA-Strippenzieher. Alles sehr verwirrend, zumindest für Captain Walker. Der beschließt aber, Konrad zu vertrauen, weil der ihm einmal in Afghanistan das Leben gerettet hat. Und so kämpfe ich zuerst einmal gegen Einheimische und rette die Kollegen von der 33rd.

Fühlst du dich schon wie ein Held?

Ich spiele aus der Third-Person-Perspektive und steuere Captain Walker, kann aber Lugo und Adams hin und wieder Befehle geben, wie z.B. Blendgranaten zu werfen, einem Kumpel medizinisch zu helfen oder Scharfschützen auszuschalten. Und an dieser Stelle ist es eben Shooter-Einheitsbrei. Über lange Strecken ist es ein sehr anspruchsvoller Military-Shooter, in dem ich ohne Deckung keine Überlebenschancen habe. Gute Standardkost. Ich hechte also von Deckung zu Deckung, feuere präzise, kurze Salven auf meine zahlreichen Gegner und muss immer mit Angriffen von der Seite rechnen. Das muss Mann oder Frau mögen. Ich LIEBE es! Insbesondere, wenn der Embedded Journalist der 33rd sich als DJ über den Militärfunk verdingt und ich mich mit guter musikalischer Begleitung auf die Suche nach Konrad machen kann. Deep Purple, Mogwai, Björk. Geht alles gut ins Ohr. Unterm Strich ein Deckungs-Shooter mit klassischer Spielmechanik.

Erinnerst du dich, warum du hierher gekommen bist?

Später rette ich dann Einheimische vor amerikanischen Soldaten und verliere immer mehr den Überblick, wer in »Spec Ops: The Line« eigentlich die Rolle des Bösewichts einnimmt. Ich werde gezwungen, gegen die eigenen Landsleute zu agieren und greife dabei auch mal zu extremen Methoden. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Moral der eigenen Truppe und so werde ich als Spieler immer mehr in die Story und Emotionen des Spiels hineingezogen. Irgendwann in der Mitte des Spiels weiß ich wirklich nicht mehr, warum ich eigentlich nach Dubai gekommen bin. Ich kämpfe mich einfach immer weiter nach vorne, um irgendwann Konrad für diese Hölle auf Erden zur Rede stellen zu können. Da sich der desertierte Colonel im höchsten Turm von Dubai verschanzt hat, habe ich eine gute Aussicht darauf, wann ich endlich vor ihm stehen werde. Das wird mit vielen Cutscenes auch schön inszeniert und gibt dem Spiel mehr Tiefe.

Wie viele Amerikaner hast du heute getötet?

Natürlich wird der Widerstand mit zunehmender Spielzeit immer intensiver, aber meine Delta-Force-Einheit ist ja jetzt auch kein Verein, der Kindergeburtstage veranstaltet. Es geht richtig zur Sache und nur mit einem kühlen Kopf, gutem Auge und ruhiger Hand komme ich hier weiter. Anfänger spielen bitte auf Schwierigkeit »Strandspaziergang«, das ist dann in etwa so als würdest Du einen Antikriegsfilm gucken und gelegentlich zurückspulen. Routinierte Shooter spielen »Kampfeinsatz« oder »Selbstmordmission« und werden dabei bestens unterhalten. Verrückte spielen »FUBAR« und werden mit einem Achievement extra belohnt.

Was ist so anders an »Spec Ops: The Line«? Nun, z.B. das Ende. Über das werde ich hier aber nichts verraten, da musst Du schon selber durch. Aber auch so unterscheidet sich das Spiel von den üblichen Verdächtigen. Die Kameraden von Captain Walker stellen meine Entscheidungen nämlich regelmäßig in Frage. Und genau diese Entscheidungen sind es auch, vor die ich als Spieler andauernd gestellt werde. Nur schmecken mir meistens die dargebotenen (Aus-)Wege nicht wirklich. Hilflos starre ich auf den Bildschirm und dann bin ich froh, wenn ich eine Alternative finde, die mir gar nicht angeboten wurde. Kurz darauf wird meine Enttäuschung darüber, dass auch dieser Weg zum Unausweichlichen geführt hat, schnell von Entsetzen abgelöst. Die Wirkung meiner Entscheidungen wird mir nämlich unmittelbar klar und ungeschminkt vor Augen geführt. Oft genug ist das kein schöner Anblick. Und mit dem Verlauf des Spiels zerbrechen die Charaktere an ihren Taten, genauso wie ich als Spieler immer wieder aus dem Flow gerissen werde, ob der Gräueltaten, die ich Walker anrichten lasse. Das Konzept funktioniert hervorragend.

Du bist noch immer ein guter Mensch!

Es beginnt alles mit der üblichen Schwarz-Weiß Sicht auf Gut und Böse und ich denke noch, ich spiele hier Standardkost. Mein Captain Walker wird zum Helden aufgebaut und stolz schwillt mir die Brust, wenn ich meinen Auftrag ausgeführt habe. Aber dann kommen die unvermeidbaren Kollateralschäden, die alternativlosen Entscheidungen, die ich treffen muss und deren Auswirkungen nicht unter einer amerikanischen Flagge versteckt werden, sondern die an die Nieren gehen.

Und am Ende? Tja, am Ende weiß ich nur eins: Egal ob es zwischen Weiß und Schwarz noch Grautöne gibt, meine Seele ist so schwarz wie die Nacht.

Dieser Text wurde ursprünglich am 27. April 2013 auf zockworkorange.com veröffentlicht.