Titanfall

Mein Blick schweift aus großer Höhe über die mir mittlerweile gut bekannte Stadt ohne Namen. Die Abendsonne taucht sie in ein fast friedlich wirkendes Licht, kann aber den Gedanken nicht verdrängen, dass wir in den Straßen unter uns wieder einmal um unser Leben kämpfen werden. Aus der offenen Heckklappe des kleinen Transportschiffs springe ich dem staubigen Boden eines mir fremden Planeten entgegen. Rechts und links flankieren mich namenlose Kameraden und sofort sprinten wir auf das nächstgelegene Gebäude zu und gehen in Deckung. Über Funk aus dem sich schnell entfernenden Transportschiff schreit uns der Captain noch hinterher, dass wir bei der bevorstehenden Schlacht keine Gefangenen machen sollen.

Wenig später spähe ich durch ein offenes Fenster und entdecke einen Spectre, der mir den Rücken zukehrt und sich an irgendeinem technischen Gerät zu schaffen macht. Ich gleite lautlos in das Zimmer und deaktiviere den Bot still und leise. Kinderspiel! Ein Blick aus dem gegenüberliegenden Fenster zeigt uns, dass sich eine feindliche Patrouille auf der anderen Straßenseite hektisch von Haus zu Haus vorarbeitet und uns offensichtlich dort drüben vermutet. Wir lassen sie unbehelligt weiterziehen und werfen ihnen ein paar Splittergranaten hinterher, als auch sie uns den Rücken zukehren. Jetzt ist aber auch Schluss mit dem Versteckspiel.

Mit kurzen, gut gezielten Salven, zerstreuen wir unsere Gegner und rennen wachsam raus auf die Straße, entlang an Hauswänden, über Dächer und schwenken dabei unsere Karabiner in alle Richtungen, immer auf der Suche nach dem Feind. Genau in diesem Moment erwischt es die beiden Soldaten rechts von mir. Es kracht ohrenbetäubend und wie aus dem Nichts steht ein haushoher Titan vor mir und schwenkt seine übermenschlich große Waffe augenblicklich in meine Richtung. Mist! Wo kam der denn so schnell her? Ich hechte in Deckung und bilde mir ein, den Lufthauch der Kugeln noch im Nacken zu spüren, die sich unmittelbar nach meiner Bewegung an der Stelle in den Asphalt bohren, an der ich eben noch fassungslos auf meine verschwundenen Teamkollegen gestarrt habe. Ich nehme das schwere Gerät zur Hand und rücke dem Titanen aus der Deckung zu Leibe. Nach drei Treffern in seinen Allerwertesten geht er in die Knie. Irgendjemand gibt ihm den Rest.

Der Captain meldet sich erneut über Funk zu Wort, mein Titan ist für den Einsatz bereit. Endlich! Ich zeige auf ein Stückchen grüne Erde im Hinterhof eines schwerbeschädigten Hauses, die KI vermeldet »Stand by for Titanfall« und ein paar Sekunden später fällt mein Titan aus dem Orbit, die tief stehende Sonne lässt ihn majestätisch glänzen. Die Schockwelle jedoch, mit der sich seine Ankunft auf dem Planeten durch den Boden ausbreitet, reißt mir fast meine Waffe aus dem Händen. Ich springe unter den Schutzschild des stählernen Giganten und mein Titan hebt mich behutsam, ja fast liebevoll vom Boden auf und setzt mich mit einer fließenden Bewegung in die Pilotenkapsel. Das Panzerglas schließt sich und die Systeme zur Pilotensteuerung fahren hoch. Jetzt bin ich an der Reihe. Ein vertrautes Gefühl der Wärme macht sich in mir breit. Rock’n’roll, Baby!

Ich verlasse mit großen Schritten den Hinterhof und meine Projektilwaffe erledigt jeden Gegner in Sichtweite im Handumdrehen. Sie flüchten und rennen um ihr Leben. Ich jage die armen Kerle um jede Biegung in den mittlerweile schwer verwüsteten Häuserblocks der kleinen Stadt auf diesem gottverlassenen Planeten und mache keine Gefangenen. Plötzlich ist die Hälfte meines Head-up-Displays mit roten Warnzeichen gefüllt. Vielleicht hätte ich mein Radar doch etwas aufmerksamer im Blick halten sollen? Von hinten haben sich zwei feindliche Titanen an mich herangepirscht und versuchen nun, mich in die Zange zu nehmen. Aufgrund ihrer besseren Ortskenntnis gelingt ihnen das mühelos. Verdammt! Ich aktiviere die Raketen und schicke eine Salve in Richtung des Großen und widme mich dann dem kleineren, aber besser gepanzerten Feind. Wir huschen von Deckung zu Deckung und bekriegen uns hart, aber am Ende ramme ich die Faust meines Titanen in die Pilotenkanzel des angeschlagenen Gegners. Einer ist hinüber, aber wo ist sein Teamkollege?

Der kreischende Annäherungsalarm weist mich darauf hin, dass sich direkt hinter mir etwas Bedrohliches sehr schnell nähert. Ich drehe mich um und blicke einer Vielzahl heranrasender Explosivgeschosse entgegen. Scheiße! Augenblicke später, mein Titan wurde durch die Breitseite ein ganzes Stück nach hinten geschleudert, teilt mir die KI auch schon mit, dass es allerhöchste Zeit wird, auszusteigen. Enttäuscht betätige ich den Schleudersitz und werde an die hundert Meter in die Höhe katapultiert. Unter mir vergeht mein Titan in einem nuklearen Feuerball. Scheiße! Scheiße! Der siegreiche, gegnerische Titan hebt triumphierend den Kopf und versucht, mir mit seinen Projektilwaffen noch in der Luft den Rest zu geben.

Ich habe aber bereits meine Tarnvorrichtung aktiviert und lande ungesehen ein paar Meter hinter meinem Gegner, sprinte auf ihn zu und mit zwei Sprüngen erklimme ich den Rücken des Titanen und hangele mich nach oben, bis direkt hinter seine Pilotenkanzel. Jetzt heißt es gut festhalten, denn der feindliche Pilot zappelt wie wild, als er bemerkt, dass er einen Rodeo-Reiter auf dem Rücken hat. Mit einem Tritt öffne ich die winzige Klappe hinter der Kanzel, die wir Piloten alle fürchten, und halte den Lauf meines treuen R-101C Gewehrs mitten in die empfindlichen Schaltkreise hinein. Grinsend drücke ich den Abzug. Sekunden später stehe ich wieder auf dem Boden und blicke zufrieden auf die qualmenden Überreste des Titanen, den ich gerade im Alleingang zerlegt habe.

Über Funk schreit uns der Captain an, wir sollen die Feiglinge nicht entkommen lassen und zeigt uns auf unserer Minikarte im HUD den Evakuierungspunkt der Gegner. Der Sieg ist also unser. Wir hechten in die angezeigte Richtung und hindern die fliehenden Feinde daran, das wartende Fluchtschiff zu erreichen. Zwei meiner Teamkameraden haben noch einen eigenen Titanen und nehmen das Schiff selbst aufs Korn. Es vergeht in einer markerschütternden Explosion und mit ihm, die letzte Fluchtmöglichkeit für die wenigen, noch am Leben gebliebenen Feinde. In Überzahl bringen wir die Sache schnell zu Ende, aber es bleibt das ungute Gefühl, nur eine von unzähligen Schlachten in einem sinnlosen Krieg überlebt zu haben.

Die Dämmerung setzt ein und ich schaue der fremden Sonne zu, wie sie glühend hinter den noch qualmenden Trümmern einer Stadt langsam verschwindet, deren Namen ich immer noch nicht kenne.

Dieser Text wurde ursprünglich am 18. März 2014 auf zockworkorange.com veröffentlicht.